KZ-Überlebender berichtete über seine Zeit im Konzentrationslager Bergen-Belsen

Wie sich das Leben jüdischer Kinder in der Zeit vor dem KZ bereits verändert hatte, davon berichtet Gerd Klestadt : Da ist die Rede von Schulverbot, überhaupt von Verboten aller Art, von Beschränkungen der Freiheit, der Entwicklungsmöglichkeiten. „Jüdische Kinder durften nicht mehr zur Schule gehen.“ Die Lösung: heimliche Schulklassen im Keller. Doch auch dies konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sitation immer schlimmer wurde. Einziger Ausweg: Flucht in die Niederlande. Doch auch hier gab es keine Sicherheit. Am 1. Februar 1944, „ein Dienstag“, wie Klestadt noch heute erinnert, wurde er mit vielen anderen zusammen unter unvorstellbaren Bedingungen in einen Viehwaggon gepfercht und nach Bergen-Belsen deportiert. Erst 1945 endete sein Martyrium. Dass er überlebt hat, schreibt er seinem bemerkenswerten Lebenswillen zu. Und auch wenn er ohne Rachegefühle auf seine Leidenszeit zurückblickt, will Klestadt der jungen Generation vermitteln, dass sie eine „moralische Verantwortung“ tragen, ohne selbst Schuld zu tragen. Seine persönliche Rache an Adolf Hitler hat Gerd Klestadt jedenfalls verwirklicht. Dem Vernichtungswillen der Nationalsozialisten setzte er seinen unbändigen Lebenswillen entgegen. Seine Nachkommen, zwei Kinder und fünf Enkelkinder, haben den Plan von der Vernichtung aller Juden durchkreuzt.
Die Schulgemeinschaft des ASG dankt Gerd Klestadt dafür, dass er seine schmerzlichen Erinnerungen auf so bewegende Weise mit den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe geteilt hat.

 

Gerd Klestadt und seine Rache an Hitler
Der NS-Zeitzeugenbesuch am ASG aus der Sicht einer Schülerin

Es ist Dienstag, der 14. Januar, die 5. Stunde hat vor wenigen Minuten begonnen. Noch herrscht leises Gemurmel in der Aula, dieses wird jedoch bald absoluter Stille weichen, wie man sie in einer so großen Gruppe nicht oft erlebt. Die gesamte Oberstufe des Albert-Schweitzer-Gymnasiums wartet gespannt auf einen einzigen Mann, einen Mann, der seit 2001 vor Schülern und Studenten über sein Schicksal als Jude zur Zeit des NS-Regimes spricht. Es handelt sich hierbei um den 87-jährigen Gerd Klestadt.
Sobald er das Podium betritt, ist es vollkommen still im Saal. Auch die Letzten verstummen nun und lauschen aufmerksam Klestadts Worten. Er erzählt, wie seine Familie 1936 in die Niederlande geflohen ist, wie sie dort entdeckt und über Westerbork schließlich in das Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Nähe von Hannover deportiert worden ist. Damals war Herr Klestadt 13 Jahre alt. In Bergen-Belsen musste er schließlich den Tod des eigenen Vaters mitansehen, der, wie so viele vor und auch nach ihm, anstatt anständig zu Grabe getragen zu werden, achtlos unter die Bäume geworfen wurde. Dieses Erlebnis, erzählt er uns, hat ein tiefes Trauma in ihm hinterlassen, weswegen er sich sehr viel später in seinem Leben schließlich auch in psychotherapeutische Behandlung begeben hat. Denn für viele Überlebende war der Albtraum nach der Befreiung noch lange nicht vorbei. Die psychischen Verletzungen begleiten die meisten von ihnen ein Leben lang.
Während des gesamten Vortrags hängen Schüler wie auch Lehrer wie gebannt an Klestadts Lippen. Betroffenheit und Fassungslosigkeit spiegeln sich in ihren Gesichtern wider.  Schließlich  zeigt Herr Klestadt ein Bild seiner alten Schulklasse, die zu der Zeit, zu der das Bild aufgenommen wurde, in dieser Form längst verboten gewesen war. Auf dem Foto sind seine ebenfalls jüdischen Schulkameraden und der Lehrer zu sehen. Als er schließlich offenbart, dass von diesen 13 Schülern nur zwei die NS-Zeit überlebt haben, ihn eingeschlossen, wird mir ganz anders zumute. 11 dieser 13 jungen Menschen sind nie über die Kindheit hinausgekommen. Stattdessen fielen sie der industriellen Todesmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer.
Doch Herr Klestadt klagt nicht an. Er verspürt keine Rachegefühle. „Schuld ist nicht übertragbar.“ Dies sind die Worte, die er an uns Schüler richtet. Doch er ist sich ebenfalls bewusst, dass Antisemitismus, Gewalt und die Ausgrenzung anderer noch lange nicht Geschichte sind. „Das Gift von Adolf Hitler und der Nazis ist noch immer da.“ Schließlich schenkt er jedem Schüler eine kleine bunte Murmel, die die Vielfalt unserer Welt symbolisieren soll. Er appelliert daran, Zivilcourage zu zeigen, so wie es die Scholl-Geschwister einst taten. Die Murmel soll die Schüler dazu anhalten, nicht wegzusehen, sondern denen, die ihre Hilfe benötigen, zur Seite zu stehen. Zum Schluss zeigt er uns ein Foto seiner Familie mit den Worten: „Dieses Foto ist meine Rache an Hitler.“
Herr Klestadt hat sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, und nicht wenige mussten sich während seines Vortrags zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Auch mich hat Herr Klestadt sehr beeindruckt, und nicht zuletzt die Stärke, die es braucht, um sich einer solchen Vergangenheit zu stellen.
Man vermag sich nicht vorzustellen, was dieser Mann und seine Leidensgenossen in den Konzentrationslagern durchgemacht haben, und doch habe ich es während des gesamten Vortrags immer wieder versucht. Ohne Erfolg.

Ein Beitrag von Kiara Zuckschwerdt